Das Wir-Gefühl

von Romina Becher

© Sandra Wenzel

Franzis Leben war schon immer in Bewegung. Sie war schon in Sporthallen, als sie noch im Kinderwagen lag. Kaum konnte sie die ersten Schritte machen, wurde sie im Kinderturnen angemeldet. Seit ihrem dritten Lebensjahr fährt sie Ski. Und sie spielt ziemlich gut Handball. Aktuell in der Badenliga. Triathlon hat sie auch gemacht, lange getanzt und Ballett für 1−2 Jahre ausprobiert. Glänzende Augen hat sie immer dann, wenn sie sich mit ihrer Skiausrüstung zum nächsten Winterurlaub aufmacht. Und dennoch ist „ihr Sport“ immer der Handball geblieben.

„Es beginnt schon mit dem gemeinsamen Warmlaufen. Da kann man einen noch so schlechten Tag haben, nach spätestens der dritten Runde ist man wieder hoch motiviert. Ob durch einen kurzen Schulterklopfer oder einen flapsigen Spruch. Der Teamspirit springt sofort auf einen über. Am präsentesten ist er immer in den letzten Minuten kurz vor Spielbeginn, in der Kabine. Wenn der Trainer alles gesagt hat und wir uns gemeinsam noch einmal bestärken. Uns fokussieren. Uns einschwören.

Draußen auf dem Spielfeld wissen wir oft ohne uns zu sehen, wo die anderen stehen. Was ihre nächste Bewegung sein wird. Unzählige Male haben wir die verschiedensten Spielabläufe zusammen durchgespielt. Uns aufeinander abgestimmt. Um aus einer Vielzahl von einzelnen Bewegungen einen großen Spielzug zu machen. Ohne bewusst darüber nachzudenken weißt du, wer sich aus deiner Mannschaft wie bewegt, wie schnell er läuft und wo er für gewöhnlich den nächsten Pass hinspielt.

Bewegung ist weit mehr als nur ein physischer Ablauf von Muskelkontraktionen. In einem Team ist Bewegung ein Gefühl, das alle durchströmt. Denn gerade im Handball, bei dem es viel um Strategie, Taktik, klug ausgefeilte Spielzüge geht, ist die Intuition genauso wichtig wie die Bewegung selbst. Bis zu 15 Spielzüge können beim Handball vor einem Spiel fest eingetaktet und definiert sein. Jedes Teammitglied weiß bei Zuruf sofort, um welchen dieser Spielzüge es sich handelt und was zu tun ist. Wohin man sich bewegen muss. Und wohin sich die anderen im selben Moment bewegen. Es ist nicht einfach so, dass man nur einem Ball hinterherrennt.

Handball fordert vor allem Bewegung im Kopf. Wie viele andere Sportarten auch. Doch was beim Mannschaftssport an dieser „Bewegung im Kopf“ so besonders ist, ist dieses Wir-Gefühl. Wie du in Niederlagen zusammenhältst, wie dich gemeinsame Siege beflügeln. Niemals musst du mit einem Rückschlag alleine fertig werden.“

Studiert hat Franzi Sportwissenschaft. Mit dem Schwerpunkt Sportmanagement. Und sie ist fest davon überzeugt, dass es für jeden Menschen den richtigen Sport gibt. Die richtige Bewegung. Um sich und den eigenen Körper wieder zu spüren. Und zu spüren, was einem guttut. Eine Bewegung nach innen durch eine Bewegung im Außen.

Bewegung ist für Franzi ein Stück Freiheit. Eine Möglichkeit, eigene Grenzen zu spüren, zu überwinden und sich wieder freier zu fühlen. Doch noch mehr als das ist Bewegung für sie ein Gefühl. Ein Gemeinschaftsgefühl. Eine Emotion. Selbst so in der Teambewegung zu sein, so mitzufiebern, auch wenn man selbst nicht in Bewegung ist. Du gewinnst das Spiel, obwohl du gerade nicht auf dem Spielfeld stehst.

Genau dieses Gefühl vermittelt der folgende Ausschnitt des EM-Finales Deutschland – Spanien bei Minute 42.50. Ein Spiel, wie es emotionaler nicht sein konnte.

Das ist Mannschaftssport.

Das ist das Wir-Gefühl.

Und das ist Franzi.

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