(Noch) kein Happy End?

von Helge Thomas

Das Thema ROT brachte mich auf „Jagd auf Roter Oktober“, einen (amerikanischen) Kinofilm. Die Geschichte: Ein (russisches) Atom-U-Boot, das (angeblich) für einen Angriffskrieg gebaut wurde, wird von einem mutigen russischen Kapitän (Sean Connery) nach einer wilden Jagd durch den Atlantik heil an die Amis übergeben. Für den Frieden. Ein Ende, wie ich es immer geliebt habe. Hach, die Amis. Die Guten…

… bis das Licht im Kino angeht. Aber wer zur Hölle sind denn die Guten in der realen Welt? Eine Frage, die mich, im Angesicht radikaler globaler Machtverschiebungen, heute mehr denn je beschäftigt. Ich taste mich mal zurück durch die Jahrzehnte meines Lebens und mache mich auf eine sehr subjektive Spurensuche.

Meine Generation nennt man „Babyboomer“. Ihr wisst schon, kurz vor dem Pillenknick. Ich glaube, 1964 war sogar der geburtenstärkste Jahrgang ever. Wie auch immer. Als die Hippies sich 1968 den Frieden und die freie Liebe herbeikifften, war ich gerade mal vier Jahre alt. Kennedys Ermordung durch die CIA (ich liebe Verschwörungstheorien) war schon fünf Jahre her und der Vietnamkrieg noch immer nicht zu Ende. Aber in der „Vor-Internet-Ära“ und in der Heidelberger Provinz war das alles weit weg. So wie auch die Sowjetunion. In (amerikanischen) Filmen zeigt man Russen damals immer als finstere Männer mit Wollmützen und ernstem Blick, die hinter Mauern lauern. Aber davon wusste ich mit vier Jahren natürlich noch nichts. Die Gnade der späten Geburt und so.

© Helge Thomas

Als wir klein warn, war das allermeiste sonnenklar.

Unsre Mutter war die Beste, unser Vater war ein Star.

1979. Ich bin fünfzehn Jahre alt, ABBA- und neuerdings BAP-Fan. Ich weiß, seltsame Kombi, aber hey, ich stecke mitten in der Pubertät. Die Nato (die Guten?) beschließt in Brüssel die Stationierung von atomaren Mittelstreckenwaffen unter anderem in Deutschland, und die Russen (die Bösen?) intervenieren in Afghanistan. Politik interessiert mich nicht wirklich. Außerdem leben wir auf dem Land und es gibt noch kein Internet und im Fernsehen nur drei öffentlich-rechtliche Sender. Mein Wissen beschränkt sich also auf die Lektüre der Bravo. Immerhin weiß ich dadurch, dass man durch Zungenküsse nicht schwanger werden kann. Ansonsten spiele ich trotz fehlender Begabung Fußball, beginne zu rauchen und suche meinen Weg.

Ja, die Russen waren böse und die Amis waren gut.

Insgeheim war man noch Nazi, doch da fehlte bisschen Mut.

Aber letztlich waren solche Fragen allen scheißegal.

Denn am Ende jedes Monats stand die fette schwarze Zahl.

1982. Ich wechsle die Schule und wiederhole die zwölfte Klasse. Nach den pubertären Null-Bock-Jahren und bereits vier Unterkursen eine gute Idee. An der neuen Schule beginnt ein neuer Helge. Ich werde Schülersprecher und lerne die „Kollegen“ der anderen Gymnasien kennen. Man trifft sich im Jugendzentrum, redet über Politik (die Russen sind ja gar nicht so böse) und organisiert Lichterketten für den Frieden. Gegen die Amis und ihre Raketen und aus Angst vor den Russen. Oder so ähnlich. Außerdem erfahre ich, dass Kernkraft scheiße ist und verteile die ersten Sonnenblumen-Flugblätter im Wahlkampf für die frisch gegründeten Grünen.

1984. Das Orwell-Jahr. Ich schaffe wider Erwarten mein Abi und bin für kurze Zeit auch politisch hellwach. Und auch wenn die Amis diese blöden Pershings hier aufstellen wollen, so halte ich sie doch nach wie vor für die weniger Bösen. Leider sagt mir niemand, dass die CIA schon lange Unfrieden, Aufstände und Rebellionen in den arabischen (Öl-)Ländern heraufbeschwört und damit vermutlich die Basis schafft für den Terrorismus des 21. Jahrhunderts. Sagte ich schon, dass es Twitter noch nicht gibt?! Also gehe ich zur Bundeswehr. Aus Überzeugung. Weil ich meine Familie und meine Freunde beschützen will. (Kein Scheiß. Ich dachte 1984 wirklich so.) Nach zwei Jahren militärischem Stumpfsinn und der Festigung des Feindbilds (der Russe kommt!) folgt eine längere Phase völligen Desinteresses an Politik oder Feindbildern.

In den Mehrzweckhallen ahnt man: Es hat alles keinen Zweck.

Die Pastoren in den leeren Kirchen wünschen sich weit weg.

1989. Ich ziehe nach Frankfurt und es fühlt sich (für mich Landei) an wie New York. „If I can make it there …“ läuft auf meinem Walkman. Bei mir läuft es noch nicht so. Dann fällt die Mauer. In den Nachrichten sehe ich Menschen und Trabbis die Grenze passieren und empfinde kaum etwas. Ich habe keinen Bezug zur DDR, keine Verwandten dort. Und der einzige Besuch in Ost-Berlin, 1983 mit dem Geschichts-LK, hinterließ ein komisches Gefühl. Irgendwo zwischen der Scham eines Zoobesuchers und Dankbarkeit, auf der „richtigen“ Seite des Käfigs geboren zu sein. Welche historische Bedeutung der Mauerfall hatte, sollte mir erst viel später bewusst werden. Erst einmal kamen die Neunziger mit ihren schrägen Klamotten, Mumm auf Eis und omnipräsenten Techno-Beats, die alles übertönten. Mts, mts, mts …

Heute wird in unsern Reihen junges Deutschland nachgeborn.

Vater hat mit 55 seinen Arbeitsplatz verlorn.

1998. Ich arbeite im Marketing, habe geheiratet und eine Tochter. Außerdem gehe ich regelmäßig in Strapsen auf die Bühne und behaupte, ich wäre ein „Sweet Transvestite“. Schröder wird Kanzler. Den mag ich. Warum, weiß ich nicht. Ich glaube, am meisten mag ich, dass Kohl weg ist. Obwohl der ja das mit dem Gorbi (dem guten Russen?) und der Mauer geregelt hat. Bei Saumagen und Pfälzer Wein. Trotzdem. Schröder ist cooler.

2001. Mein Sohn ist ein Jahr alt. Ich bin im Vertrieb, habe einen Termin im „ProMarkt“ in Stuttgart und sehe die Türme auf hundert Bildschirmen gleichzeitig einstürzen. Und wieder fühle ich nichts. Außer einer unbestimmten Angst, dass das nichts Gutes bedeutet. Zuhause fragt meine 5-jährige Tochter: „Gibt es schon etwas Neues zu den Anschlägen?“ Was antwortet man da? „Oh, alles gut, mein Kind. Die Amerikaner greifen sich nur mal wieder selbst an. Dieses Mal töten sie nicht ihren eigenen Präsidenten, sondern nur 3.000 Unschuldige, um ihren ungeliebten Präsidenten zu stützen. Aber du brauchst keine Angst zu haben, mein Kind. Bei uns gibt es kein Öl und Schröder ist Kanzler. Der macht da nicht mit.“

2008. Obama. Ich empfinde Freude. Ist er der Auserwählte? Ist das die Wende? Werden die Amis jetzt doch noch die Guten, für die ich sie seit meiner Kindheit so gerne gehalten hätte? Oh ja, bitte! Jetzt wird alles gut. Wie in den schönen (amerikanischen) Filmen, in denen am Ende immer das Gute siegt. Anfangs denke ich, sie erschießen ihn sicher. Wie Kennedy. Und später erkenne ich, dass sie das gar nicht mussten. Sie haben ihn einfach benutzt, damit alle glauben, sie wären wieder die Guten. In Wahrheit hatten sie ihn längst getötet.

Wir haben unser Leben lang das Leben angestaunt.

Auf Kosten weit Entfernter gut genährt und gut gelaunt.

2016. Der Terrorismus, den die Amis und „der Westen“ vermeintlich bekämpfen, wird immer stärker. Der Grund ist nicht der Islam. Das ist mir aber leider erst heute klar, wo es schon der Rest der Welt zu glauben scheint. Ich möchte eine Zeitmaschine, nach 1953 reisen und die Entmachtung Mossadeghs durch die CIA verhindern. Wer weiß, wie es dann gekommen wäre. Nein, ich bin kein „Putin-Versteher“. Auch kein Orban-, Erdogan-, Le-Pen-, Petry-, Wilders-, Brexit- und schon gar kein Trump-Versteher… ganz zu schweigen von Terroristen, Anarchisten, Islamisten, Dschihadisten und (Pseudo)-Christen … ich fürchte, ich verstehe gerade gar nichts mehr … Sind am Ende alle böse?

Aber Oscar Wilde hat doch gesagt, „wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.“ Genau! Daran halt ich mich jetzt fest. Obwohl ich Oscar Wilde gar nicht kannte. Ach Scheiße … wo bleibt eigentlich der Hobbit mit dem verdammten Ring? Es wird echt höchste Zeit!

Wir haben kein Zuhause mehr, die Nächte werden kalt.

Wir werden auch viel schneller als die andern Kinder alt.

(Texte aus dem Lied „Wunderkinder“ von Heinz Rudolf Kunze)

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